
Warum tauchen tote Seehund-Babys an Stränden Dänemarks auf?
19. Oktober 2025Es war einmal ein Land, das liebte den Jahreswechsel.
Ein Land, in dem Menschen glaubten, das neue Jahr beginne erst dann richtig, wenn der Himmel brannte und die Straßen bebten. Sie nannten es Tradition. Sie nannten es Freiheit. Sie nannten es „nur einmal im Jahr“.
Und jedes Jahr, kurz vor Mitternacht, stellten sie sich nach draußen, schauten nach oben und zählten laut. Zehn. Neun. Acht.
Währenddessen, ganz leise, passierte etwas anderes.
Im Wald zog sich der Winter wie ein dicker Mantel über die Bäume. Wildtiere lebten in einer Zeit des Sparens: weniger Bewegung, weniger Risiko, weniger Verlust. Denn im Winter entscheidet Energie über Leben.
Und dann kam der erste Knall.
Nicht wie ein Geräusch, das man versteht. Eher wie ein Angriff aus dem Nichts. Eine Druckwelle, ein Blitz, ein Donner, der nicht zu Ende ging.
Die Rehe rissen hoch. Die Hirsche liefen. Vögel schossen aus dem Schlaf, ohne Richtung, ohne Plan. Nicht weil sie schwach waren, sondern weil ihr Körper nur eine Sprache kennt, wenn Gefahr plötzlich über ihnen explodiert: Flucht.
Später sagten die Menschen: „Die Tiere werden sich schon daran gewöhnen.“
Doch in den Aufzeichnungen derer, die Tiere nicht nur betrachteten, sondern verfolgten, stand etwas anderes.
Sie hatten GPS-Daten gesammelt, von 347 wildlebenden Gänsen, über mehrere Jahreswechsel. Und jedes Mal in dieser Nacht zeigte die Karte dasselbe Bild: Tiere verließen ihre Schlafplätze, flogen höher und weiter als sonst. Im Schnitt 5 bis 16 Kilometer weiter und 40 bis 150 Meter höher. Manche flogen in der Nacht sogar Hunderte Kilometer zusätzlich, bis zu 500. Und sie ruhten bis zu zwei Stunden weniger. Danach suchten sie länger nach Nahrung, als müssten sie zurückzahlen, was diese Nacht ihnen genommen hatte.
Im Märchen würde jetzt jemand rufen: „Hört auf damit!“
Doch in dieser Geschichte hörten die Menschen vor allem das Echo ihrer eigenen Raketen.
Nicht weit vom Wald, in warmen Häusern, lagen Haustiere. Hunde, die sonst mutig waren, wurden klein. Katzen, die sonst neugierig waren, wurden still und unsichtbar.
Manche drückten sich in Ecken, als könnten Wände schützen. Manche wollten nur weg.
Und einige schafften es.
Sie rannten durch offene Türen, über Zäune, durch Lücken, die an jedem anderen Tag nie ein Thema gewesen wären. Am nächsten Morgen suchten Menschen in Gruppen, hängten Zettel auf und riefen Namen in die Kälte.
Das große Register TASSO zählte für den Jahreswechsel 31.12.2025 bis 01.01.2026: 376 entlaufene Hunde und 507 entlaufene Katzen in nur zwei Tagen. Und selbst das sind nur die, die gemeldet wurden.
Im Märchen würde man jetzt sagen: „Wie kann eine Tradition richtig sein, wenn sie Tiere verschwinden lässt?“ Doch in dieser Geschichte sagten viele: „Das passiert halt.“
Und dann, als der Himmel langsam wieder dunkel wurde, fiel der Schnee, und mit ihm fiel auch alles zurück, was die Menschen nach oben geschossen hatten: feiner Staub, Rückstände, Müll. Nicht nur in Städten, sondern auch in Parks, an Ufern, an Waldrändern, dort, wo Tiere atmen, fressen und leben.
Das Umweltbundesamt beziffert die Feinstaubmenge durch Feuerwerk in Deutschland auf rund 2.050 Tonnen PM10 pro Jahr, davon rund 1.700 Tonnen PM2,5. Der größte Teil entsteht in der Silvesternacht; am 1. Januar sind die Werte vielerorts so hoch wie sonst im Jahr nicht.
Im Märchen hätte der Wind das alles weggetragen, und am nächsten Tag wäre die Welt wie neu gewesen. In der Realität bleibt etwas hängen: in der Luft, im Boden und in den Tieren.
Doch jedes Märchen hat eine Wendung.
Und diese Wendung beginnt meistens nicht mit einem Held. Sondern mit vielen, die sagen: „So nicht mehr.“
Der Deutsche Tierschutzbund fordert seit Jahren ein Ende der privaten Böllerei. Und Anfang Januar 2026 wurden über 1.035.809 Unterschriften für ein bundesweites Böllerverbot an das Bundesinnenministerium übergeben gesammelt von der Deutschen Umwelthilfe und dem Bündnis #böllerciao. Eine repräsentative forsa-Umfrage (Juli 2025) zeigt zudem: 59 Prozent der Menschen in Deutschland sind für ein Verbot von Böllern und Raketen an Silvester.
Das ist der Moment, in dem unser Märchen ernst wird.
Denn niemand sagt: „Feiern ist falsch.“
Aber viele sagen: „Feiern auf Kosten von Leben ist falsch.“
Und so könnte das Ende dieses Märchens aussehen:
Nicht jede Straße wird zur Abschussrampe. Nicht jeder Park wird zur Knallzone. Stattdessen: wenige, professionelle, kontrollierte Veranstaltungen mit modernen Lichtshows, die Staunen erzeugen, ohne Angst zu säen.
Und vielleicht beginnt das neue Jahr dann tatsächlich neu. Nicht mit Lärm.
Sondern mit Verantwortung.
Denn die einfachste Moral in dieser Geschichte lautet:
Wir können Silvester anders feiern.
Und wenn wir es nicht tun, erzählen wir uns jedes Jahr das gleiche Märchen – nur dass es für Tiere keines ist.
Hier kannst du jetzt aktiv werden:
Gib der Petition deine Stimme: boellerfreies-silvester




